Der Film in meinem Kopf

Spätestens im Auditorenlehrgang lernen Sie den Ausdruck „aktives Zuhören“ kennen. Sie lernen auch, wie Sie dies nach außen signalisieren: aufmerksamer Blickkontakt, gelegentliches Kopfnicken oder gebrummte Zustimmung. Klingt doch ganz leicht.

Schalten Sie Ihre Gedanken aus

Was so leicht klingt, ist das schwierigste beim Zuhören: sich vollkommen auf den Gesprächspartner einlassen. Dazu bedarf es etwas mehr als in die Augen zu schauen und mit dem Kopf zu nicken. Dem anderen zuzuhören und sich in seinen Gedankengang hineinzuversetzen erfordert nicht nur ein hohes Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit. Es erfordert auch, den ich-konzentrierten Gedankenfluss auszuschalten. Ihre eigenen Gedanken und Gefühle sollen im Gespräch zurückstehen. Genau das soll ein Auditor tun: zuhören und neutral sein.

Halo-Effekt und Neutralität

Ein Auditor soll neutral Gespräche führen und beim Zuhören und Sichten von Unterlagen zu einer sachlichen Entscheidung kommen. Fakten zählen und nicht das Gefühl. Hand aufs Herz: das geht gar nicht. In jedem Ratgeber für Small Talk und Bewerbungsgespräche erfahren Sie vom „ersten Eindruck“, den Sie binnen Sekunden von einer Person gewinnen. Der ist mal positiv, mal negativ. Es kann sein, dass der Eindruck schwach ist und somit vorschwindelt, Sie seien gerade neutral.

Der Halo-Effekt sorgt im Grunde immer dafür, dass wir Schlüsse ziehen, die keine sachliche Grundlage haben. Diese Situationen kennen Sie:

  • Die Person erinnert Sie an die beste Freundin/den besten Freund und ist Ihnen grundlos sympathisch. Sie sind geneigt, die Person freundschaftlich zu behandeln.
  • Die Person erinnert Sie an einen Nachbarn aus Ihrer Kindheit, den Sie nie leiden konnten, weil er schroff zu Ihnen war. Diese Person kann der herzlichste Mensch auf Erden sein, gewinnt aber nicht Ihre Aufmerksamkeit. Alle Aussagen sind in Ihren Ohren schroff.

Die Liste lässt sich wahrscheinlich beliebig fortsetzen.

Der Film im Kopf

Personen und Erlebnisse prägen uns. Gerade in der familiären Beziehung entstehen Rituale und Verhaltensweisen, die im Leben als Erwachsene jederzeit abrufbar sind. Im Grunde braucht eine fremde Person nur bestimmte „Knöpfe zu drücken“, schon funktionieren Gewohnheiten ohne nachzudenken. Davon ist jede Gesprächssituation beeinflusst. Permanent werden irgendwelche Knöpfchen gedrückt, wenn auch unwissentlich.

In Auditgesprächen ergeben sich Situationen, die von Seiten der Auditorin/des Auditors nicht bewusst herbeigeführt werden:

  • Gesprächspartner wirken wie Teenager und legen einen albernen Humor an den Tag, der nicht zu einem Erwachsenen in der beruflichen Situation passen. Die Erinnerung an Schulprüfungen ist offensichtlich geweckt.
  • Gesprächspartner verhalten sich devot, obwohl Sie ein Gespräch auf Augenhöhe führen möchten. Als Auditor werden Sie aufgrund Ihrer Rolle als dominant wahrgenommen.
  • Gesprächspartner reden mit Ihnen in einem barschen Ton und treten dominant auf, dabei haben Sie gerade nur freundlich „Guten Tag“ gesagt. Die Person verteidigt sich von vorneherein, weil sie sich von der „Prüfungssituation“ unter Druck gesetzt fühlt.

Übertragungen überall

Haben Sie sich in Auditgesprächen Dinge sagen hören, über die Sie sich anschließend gewundert haben? Haben Sie sich nach einer Auditsituation über sich selbst geärgert und können nicht genau sagen, worüber eigentlich? Auch in Ihrem Kopf läuft ein unbewusster Film ab und Ihre Gesprächspartner drücken Knöpfchen. In der Fachsprache der Psychologen handelt es sich dabei um Übertragungen.

 

In einem Gespräch saß mir ein erwachsener Mann von ca. Mitte 40 und einigen Jahren Berufserfahrung gegenüber. Ich bemühe mich grundsätzlich um eine freundliche Stimmung und Stimme, was mir zunehmend schwer fiel. Er war sehr nervös und konnte meine Fragen nicht beantworten.

Für mich wurde es sehr anstrengend, weil er mich in unterwürfiger Körperhaltung anlächelte (meine Wahrnehmung: „lächle und niemand kann dir böse sein, alles wird gut“) und ständig glucksend „Film“ sagte. – Vermutlich war das die Kurzform für „ich habe einen Filmriss“. Beim ersten Mal verstand ich ihn nicht, aber er wiederholte: „Film … hihi … Film“ und warf mir irgendwann diesen „erlöse mich“-Blick zu. Im Grunde hatte er einen Blackout. Aus dem Erwachsenen war plötzlich ein Kind oder Jugendlicher geworden, der eine unangenehme Prüfungssituation erneut durchlebte. Tatsächlich musste ich das Gespräch beenden, weil ich mich nicht mehr auf die Sache konzentrieren konnte.

Ich habe bei ihm Knöpfchen gedrückt – und er bei mir. Sprache und die Fähigkeit, sich mitteilen zu können, sind mir wichtig. Die Situation mit dem Gesprächspartner war für mich entwürdigend, zumal er diese unterwürfige Haltung an den Tag legte.

Nachdem die nervöse Situation aufgelöst war und wir uns in lockerer Atmosphäre wieder getroffen haben, konnten wir uns ganz normal unterhalten.

Reflexion für Auditoren

„Aus Kollege X habe ich kein Wort herausbekommen“ oder „Kollegin Y war in ihrem Redefluss nicht zu bremsen, so nervös war sie“ sind Momente, die nach einem Audit unter Auditoren ausgetauscht werden. Das ist sehr gut! Es geht schließlich nicht darum über andere zu lästern, sondern gemeinsam zu überlegen Gesprächssituationen zu einem Ergebnis zu bringen. Allerdings stößt der Austausch an Grenzen.

Wenn Sie Rat suchen, weil Sie ebenfalls diffuse Gesprächssituationen erlebt haben, dann suchen Sie bitte in sich selbst. Niemand kann Ihnen sagen, was Sie tun sollen.

„Was würden Sie an meiner Stelle tun?“

Diese Frage habe ich schon öfter gehört. Beantworten kann ich sie allerdings nicht. Ich bin nicht Sie und befinde mich auch nicht in Ihrer Situation. Meine Wahrnehmung ist eine ganz andere. Sie könnten niemals so handeln wie ich, weil Sie nicht in meiner Haut stecken. Das ist vollkommen wertfrei. Aus diesem Bewusstsein heraus habe ich angefangen andere zu coachen. Ich kann und möchte Ihnen keine gutgemeinten Ratschläge geben. Mit meiner Dienstleistung Auditcoaching+ unterstütze ich Sie gerne darin, Ihre Stärken für diese anspruchsvolle Arbeit des Auditierens aufzubauen.

 

Foto © Elke Meurer

 

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